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PM 002-17 Driesang
PM 26.09.2017
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 Von Dirk Driesang


Standpunkt

Deutschland den Deutschen?

Verschiedene AfD Politiker haben in den vergangen Tagen den Spruch „Deutschland den Deutschen!“ öffentlich offensiv vertreten, verteidigt oder auch relativiert.

Die Argumentationslinie erfolgte entlang der These: „Ja, wem soll Deutschland denn sonst gehören?“ Und: „Wenn man so etwas Selbstverständliches nicht mehr sagen kann, dann steht es allerdings schlecht um Deutschland.“ Auch wurde die Frage gestellt: „Was ist denn an dem Spruch falsch?“

Dieser Artikel will einen Debattenbeitrag liefern und vertritt die These, dass der Spruch „Deutschland den Deutschen“ aus verschiedenen Gründen nicht nur der AfD aktuell schadet, sondern bei genauerem Blick auch ansonsten nicht wirklich tragfähig ist.

1. Ein Blick in das Grundsatzprogramm der AfD zeigt, dass diese Partei Zuwanderung nach dem „Kanadischen Modell“ will. Auch wird die Binnenmigration innerhalb der EU im Rahmen der Personenfreizügigkeit – jedenfalls grundsätzlich – begrüßt. Aber wenn z B ein Koreaner aufgrund eines „Kanadischen Modells“, oder ein Pole aufgrund der Personenfreizügigkeit innerhab der EU nach Deutschland kommt, dann steht dies in erkennbarem Widerspruch zu „Deutschland den Deutschen“. Zumindest für eine Übergangszeit werden diese Menschen sich als Pole bzw Koreaner fühlen. Und in dieser Zeit sollen sie dennoch hier in Deutschland aufgrund ihrer Qualifikationen bereits mit anpacken, ein „Gewinn“ sein. Deutschland also doch nicht „den Deutschen“?

2. Man kann in ähnlicher Weise argumentieren, dass es bereits jetzt sehr viele Ausländer in Deutschland gibt, viele von uns werden an ihrem Arbeitsplatz mehr oder weniger viele Ausländer als Kollegen haben. Diese sind häufig gut integriert, machen ihre Arbeit ebenfalls gut und leisten somit ihren Beitrag „für Deutschland“. Ist ihr Arbeitsbeitrag nun weniger wert, weil er ja von einem Nicht-Deutschen kommt, ist es ein Arbeitsbeitrag zweiter Klasse? Nein, natürlich nicht! Aber man sieht, wie der Pauschalspruch das Potential hat, für erhebliche Verwirrung zu sorgen.

3. Einen etwas anderen Akzent setzt mein drittes Argument. Die bekannteste Ausprägung des Spruches „Deutschland den Deutschen,...“ hat nämlich noch einen zweiten Teil, den Herr Poggenburg nicht verwendet hat und den er auch nicht meinte. Dennoch klingt dem aufmerksamen und politisch wachen Bürger der Demonstrationsruf „...Ausländer raus!“ quasi automatisch mit in den Ohren, wenn erst einmal der erste Teil des Satzes erklungen ist. Das kann man ignorieren oder bedauern, man kann es aber als Fakt nicht aus der Welt schaffen. Die potentiellen Wähler, welche die AfD für einen Wahlerfolg im September noch gewinnen und überzeugen muss, sehen die AfD (aus ihrer Wahrnehmung) als „zu weit rechts“ stehend. Jetzt ist die Frage zu stellen: Verschiebt der Spruch „Deutschland den Deutschen“ die politische Verortung der Partei AfD in der Wahrnehmung ihres Wählerpotentials eher in die Mitte oder eher zum Rand hin? Die Antwort dürfte klar sein. Und somit ist die platte Verwendung des Spruches den Interessen der AfD diametral entgegengesetzt.

4. Wenn nun also „Deutschland den Deutschen“ gilt, wenn das ein „richtiges Prinzip“ ist, dann muss es logischerweise auch für die Franzosen, die Spanier, die Russen etc pp in analoger Weise gelten – es muss in der Konsequenz als politische Grundhaltung sogar den gesamten Planeten überziehen. Das wäre tatsächlich eine Welt der geistigen Enge, eine Welt der Abschottung. Natürlich sagen die Verteidiger des Spruches, dies sei überhaupt nicht gemeint. Es solle lediglich die eigentlich selbstverständliche Tatsache zum Ausdruck gebracht werden, dass das jeweilige Staatsvolk jeweils das Staastgebiet in jeder Hinsicht prägt. Allerdings – wenn es nur um diese Selbstverständlichkeit geht, wenn man wirklich nur dies sagen möchte, warum wählt man dann einen so missverständlichen Spruch der – wie oben unvollständig dargelegt – auch ganz viele andere Dinge implizieren kann?

5. Die AfD bekennt sich wie keine andere Partei zur abendländischen Kultur und zur deutschen Leitkultur. Einzigartiges Erbteil des klassischen Altertums ist in diesem Sinne die „antike griechische Neugierde“. In der Tat ist es weltgeschichtlich eine große Besonderheit, ja sogar etwas Abnormes, dass die Griechen eine solche Neugierde für benachbarte Kulturen aufbrachten, deren Geschichte und Kultur wertschätzten und für die Nachwelt tradierten bzw schriftlich festhielten. Zu unserem großen Glück hat diese fundamentale Neugierde über die alten Griechen auch Einzug in unsere Grundhaltung gefunden. Dieser griechische Erbteil bereichert uns bis heute, ist Wesensmerkmal der einzigartigen abendländischen Kultur, die gerade die AfD verteidigt wissen will. Hätte „Deutschland den Deutschen“ in den vergangenen Jahrtausenden durchgehend gegolten, so hätten wir dieses wertvolle Erbteil aus Griechenland niemals erhalten.

6. Die „deutsche Leitkultur“ ist einesteils natürlich und unbestritten deutsch, etwa bei der Sprache. Dennoch ist sie insgesamt gesehen aus vielen anderen Einflüssen gewachsen und entstanden. Was ist mit der französischen Revolution, die natürlich den Westen bis heute prägt? Was ist mit dem französischen Philosophen der Aufklärung Rousseau? Was mit Benjamin Constant, mit Tocqueville? Im Spruch „Deutschland den Deutschen“ kommen sie alle nicht vor. Dabei war es Rousseau, der den grundsätzlichen Wert der „kleinen Einheit“ für Demokratie und Republik erkannt hat. Eine Weisheit, die direkt in das AfD Programm eingeflossen ist. Deutschland den Deutschen ohne Rousseau? Besser nicht. Das ist nur ein Beispiel. Die deutsche Leitkultur ist nämlich in vielen ihrer Aspekte eine europäische oder auch eine „westliche“ Leitkultur, entstanden als Produkt vieler verschiedener Beiträge. Die große Theatinerkirche in München hatte insgesamt drei Baumeister. Woher kamen die? Alle drei aus Italien! Deutschland den Deutschen also ohne Theatinerkirche? Besser nicht!

7. Als im alten Griechenland die Invasion der Perser vor über 2000 Jahren abgewehrt wurde, da war das für Europa ein höchst bedeutsamer Moment. Ohne diese Entscheiungsschlacht gäbe es kein römisch-hellenistisches Zeitalter, kein Konstantinisches Edikt zum Christentum, es würde nach unserem Verständnis auch keine „Neuzeit“ und keine Renaissance mit all den damit verbundenen geistigen und wissenschaftlichen Entwicklungen geben. Wie würde es heute in Deutschland und Europa aussehen, wenn damals eine Schlacht verloren gegangen wäre, an der kein einziger Deutscher teilnahm, die zu einem Zeitpunkt stattfand, an dem das Wort „deutsch“ noch gar nicht existierte? Eine Verengung auf das Deutsche hat es historisch nicht gegeben, sie ist geradezu undenkbar. Das "Deutschland", welches "Deutschland den Deutschen" suggeriert, hätte es niemals gegeben.

Schlussbemerkung

Der Spruch „Deutschland den Deutschen“ durchbricht somit den großen geistigen und historischen Bogen, er igelt uns ein in einer geistigen Enge, die bedrückend ist. Wer wirklich jenseits von Pegida gemeinsam mit der AfD das „Abendland retten“ möchte, der ist gut beraten, auf den Spruch „Deutschland den Deutschen“ zu verzichten und stattdessen exakt zu formulieren, was er wirklich meint.

Dass es durchaus dennoch Möglichkeiten und Anlass zu auch scharfer Kritik gibt, liegt auf der Hand. Wir haben eine Bundeskanzlerin für die all jene zum „Volk“ gehören, die hier leben. Das ist natürlich offensichtlicher Unsinn. Merkel meint auch in Wirklichkeit gar nicht „Volk“ sondern „Bevölkerung“. Eine „Bevölkerung“ ist aber für eine demokratische Republik schlicht unzureichend. Die Ansprüche, die eine Demokratie und eine Republik an die Diskursfähigkeit und die Partizipation ihrer Mitglieder stellt, sind in jeder Hinsicht höchst anspruchsvoll. Eine multikulturelle Bevölkerung wird da auf Dauer versagen müssen und hat es weltgeschichtlich immer getan.

Die kulturellen Höhen auf die wir geklettert sind, sie sind absolut keine Selbstverständlichkeit. Sie zu verteidigen ist unsere tägliche Aufgabe als Staatsbürger. Ihre Wurzeln liegen speziell im deutschen, ebenso aber auch im christlich-jüdischen, im humanistisch aufgeklärten – eben im gesamten abendländischen Bereich. Sie insgesamt auf das Deutsche zu verengen, würde uns nicht weiter helfen und wäre keine Poltik der AfD.

 
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